Karlstrasse München Josef Wensauer

Architekturschule – Bayerischer Kultusminister wirft Baukultur weg.

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Korrektur im Fach Entwerfen bei Professor Zandt. Er doziert und alle hängen aufmerksam an seinen Lippen. Es ist später Nachmittag, sehr heiß und ein Sommergewitter braut sich zusammen. Plötzlich blickt der Professor versonnen in die Ferne, hebt den Zeigefinger und verkündet in bestem Altbayrisch: „Horcht´s, Kinder, wia da Amserer (die Drossel) singt!“

Eine meiner Erinnerungen an die Studienzeit in der Karlstraße. Generationen von Kolleginnen und Kollegen verbinden ganz eigene mit diesem Haus. Bis heute. ­Die alte Architekturschule in der Karlstraße beherbergt die Fachschaften Architektur, Bauingenieurwesen und Geoinformation der Hochschule München. Der Bau aus den Nachkriegsjahren wurde von einer Architektengruppe um Franz Ruf einst so brillant geplant und ausgeführt, dass er schon über 50 Jahre als Hochschule genutzt wird. Nun braucht das Haus Sanierung, und Denkmalschutz und Dämmpflicht bedeuten hohe Kosten.

Geht es nach Kultusminister Spaenle, ist deshalb dort bald Schluss.

Denn – „Der große Plan: Eine Hochschule – ein Campus“ – ist die Lösung. So formuliert es jedenfalls die Hochschule München – kurz „HM“ – zum Wohlgefallen des Ministers. Die drei Fakultäten sollen aus der Karlstraße an den Hauptstandort der Hochschule entlang der Lothstraße umziehen. Auf dem Gelände der ehemaligen Luitpoldkaserne im sogenannten „Kreativquartier“ wird bis 2023 ein Campus für zehn der zwölf Fakultäten der HM entstehen. So ist der Plan.

Mit dem Umzug kann sich die HM der Sanierungspflichten elegant entledigen. Und weil dann alle Schäfchen auf dem Gelände um die Lothstraße versammelt sind, spart die zentrale Verwaltung dort weitere Kosten. Mantra-artig wird die Mär von den tollen Synergieeffekten auf dem großen Campus gepredigt: Studenten sitzen auf hübschen Steinbänken und fragen ihre Nachbarn: „Na, was studierst Du denn so?“. Wohl eher eine Vision aus dem letzten Jahrhundert.

Und Architekturstudenten werden auf diesen Steinbänken schon gar nicht sitzen, denn die brauchen ihre Pausenzeiten für Fahrten in das Kunstareal in der Maxvorstadt, wo sie, wie ihre Kollegen und ehemaligen Nachbarn von der TU München schon seit Jahrzehnten alles Benötigte für ihr Studium finden: Zeichen- und Modellbaubedarf, Bibliotheken, Buchhandlungen.

Und sie finden dort Anschauung an herausragenden Beispielen der Baukunst alter Meister. Darunter ist dann übrigens auch ihre alte Architekturschule.

Im denkmalgeschützten und sanierungsbedürftigen Altbau an der Karlstraße ist laut Minister Spaenle für Nachnutzung gesorgt. Welche das ist, verschweigt er allerdings in der Öffentlichkeit. Das gibt Anlaß zu Spekulationen. Soll die Immobilie verkauft werden? Ist die beabsichtigte Nachnutzung zu unpopulär? Oder ist sie eben doch noch nicht geklärt und der Minister mauert, um Begehrlichkeiten der Öffentlichkeit auf ein Mitspracherecht abzuwehren?

Wenn es um einen Verkauf geht, stehen bestimmt findige Verwerter mit kreativen Ideen zur Nachnutzung bereit. Vielleicht zieht dann in das Haus an der Karlstraße eine exklusive Privathochschule ein. Mit Pförtner und Sicherheitsdienst. Klar, der Kaufpreis ist hoch, aber man macht bestimmt erfolgreich Werbung mit der Nähe zur Münchener Innenstadt und zum Kunstareal. Und dann stehen Muttis Maserati und Papas Porsche vor dem Haus im Halteverbot.

Dieses Szenario ist gruselig und gefällt Ihnen nicht? Sie denken an soziale Ausblutung, Kulturverlust oder die zunehmende Beliebigkeit unserer Innenstädte?

Ein Verkauf des Gebäudes an die Privatwirtschaft wäre ein Frevel. Die Unterbringung anderer staatlicher Lehreinrichtungen in einem Haus, das für die Architekturlehre gebaut wurde, auch. Jeder nutzungsbedingte Umbau ist mit unwiederbringlichem Verlust an authentischer Architektur verbunden.

Nein, die Architekturstudenten sollten in der Karlstaße bleiben, und sie wollen es ja auch.

  • Energetische Sanierung? Ein Lehrbeispiel vor der Nase wißbegieriger Studenten, die in Praktika sogar selbst mit anpacken könnten.
  • Zuviel Platz, wenn die Architekten alleine bleiben? Flächen, um Baukultur und Baukompetenz zu beheimaten, werden dringend gebraucht. Kammer und Verbände könnten diese im Haus anmieten; so wäre ein Archiv für das Werk bedeutender bayerischer Architekten ein Gewinn für die Landeshauptstadt und hätte Leuchtturmcharakter für die Beschäftigung mit der Baukultur.

Kultusminister Spaenle weigert sich übrigens, eine Petition von über 6000 Unterzeichnern zum Verbleib der Architektur-Fachschaft in der Karlstraße entgegenzunehmen.

Die VfA wird am Thema bleiben und weiter berichten.

Sehr interessante Hintergrundinformationen finden Sie übrigens unter diesem Link oder in der dort anhängenden Broschüre „Bleiben statt umziehen“.

Josef Wensauer

Kommentare 1

  1. Danke für diesen Beitrag. Ganz offensichtlich geht es hier nicht um Kultur, auch wenn das Ministerium so heißt, der Kulturminister von Kultur aber nichts hören will. Es wäre interessant herauszufinden, warum die Petition nicht angenommen und damit tausende bayerischer Architekten, ich zähle auch dazu, aufs tiefste beleidigt wurden. Der Kultus Minister zeigt mit dieser Geste, daß wir in seinen Augen nur arme Trotteln sind, die noch an Kultur, Anstand und Redlichkeit glauben. Das ist bitter, weniger wegen uns Architekten, sondern wegen der Karlstrasse.
    Und den zukünftigen Architektur Studierenden. Die nun einem Ort zugewiesen werden sollen, der den gegenwärtigen Stand der “Wertschätzung” unseres Berufsstandes nicht besser verdeutlichen könnte.
    Doris Thut, Prof.Dipl.Ing.Arch.

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