“next step trostberg” – Bürgerbeteiligung als Instrument nachhaltiger Stadtentwicklung

Redaktion Ausbildung und Berufsgründung, VfA Bayern kommentieren

Ramsés Grande und Maximilian Gemsjäger sind Architekturstudenten an der TU München. Im Wintersemester 2017/18 haben sie zusammen mit drei weiteren Studenten am städtebaulichen Entwurfsprojekt “next step trostberg” teilgenommen. Im Rahmen des Projektes besuchten Sie den Trostberger Weihnachtsmarkt, wo sie ein Workshop mit Bürgern und Bürgerinnen der Stadt durchführten. Nun berichten beide über ihre Erfahrungen im Umgang mit Bürgerbeteiligung als Instrument der Stadtentwicklung.

Im Rahmen eines städtebaulichen Entwurfsprojektes am Lehrstuhl für Nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land der TU München befassten sich fünf Bachelor- und Masterstudenten, Christina Hofreiter, Roland Schafroth, Katharina Wagner und wir, mit der Stadt Trostberg. Die Stadt Trostberg (ca. 11.650 Einwohner), im Landkreis Traunstein in Oberbayern besitzt im gut erhaltenen historischen Zentrum aus dem 16. und 17. Jahrhundert einen erheblichen Immobilienleerstand, verursacht durch den progressiven Rückgang des Einzelhandels. Dies ist vor allem an den inzwischen leeren Erdgeschossen der Altstadthäuser bei einem Besuch erkennbar. Auch ein bemerkenswerter Anteil der Wohnimmobilien über den Erdgeschossen ist derzeit leer. Die Folge dieser negativen Entwicklung ist ein kontinuierlicher Funktionsverlust der Altstadt Trostbergs. Dies ist auffallend, da die wirtschaftliche Lage der Stadt im Allgemeinen sehr gut ist, unter anderem durch die Anwesenheit von bedeutenden Chemiefirmen, die Trostberg zu einem Bestandteil des Bayerischen Chemiedreiecks machen. Die leicht rückläufige Bevölkerungsentwicklung, die für die nächsten Jahre erwartet wird, kann ebenfalls auch nicht zu den Hauptursachen der Leerstandsproblematik dazugezählt werden.
Aus diesem Grund, sollten zukunftsweisende Lösungsstrategien exemplarisch entwickelt werden und Reaktivierungsstrategien, Nutzungskonzepte und Ideen für vergleichbare Kleinstädte offenbaren. Im Fokus der detaillierten Untersuchung stand die Altstadt, sowie unmittelbar angrenzende Bereiche, wobei zuerst die Stadt als Ganzes in ihrem Kontext untersucht werden sollte.

Erste Begegnung mit Trostberg
Ende Oktober erfolgte unser erster Besuch der Stadt mit Übernachtung in einem leerstehenden Gebäude in der Altstadt. Zuvor wurde die lokale Bevölkerung durch die Tagespresse (Link: http://www.pnp.de/lokales/landkreis_traunstein/2710726_Trostberg-beleben-TU-Studenten-sehen-viel-Potenzial.html) über unser Vorhaben informiert, um mögliche Missverständnisse während der Analyse der Altstadt zu vermeiden. Die folgenden zwei Tage haben wir genutzt, um mehrere Gespräche mit Bürgern und Bürgerinnen unterschiedlicher Alters- und Interessensgruppen durchzuführen, sowie um den baulichen Bestand, die städtebauliche Lage der Altstadt im gesamtstädtischen und landschaftlichen Gefüge und die Nutzungen in der Altstadt zu dokumentieren.

Die fünf Studenten und unsere drei Assistenten zu Besuch im Heimatmuseum von Trostberg

Die fünf Studenten und unsere drei Assistenten zu Besuch im Heimatmuseum von Trostberg

In den folgenden zwei Monaten, entwickelten wir die tiefgründige Analyse der Altstadt weiter. Im Kurzen lässt sich sagen:

  1. Trostbergs Altstadt besitzt eine besondere Freiraumstruktur. Sie liegt eingebettet zwischen einem grünen Hang und dem Fluss Alz.
  2. Die sehr dichte, städtebauliche Struktur der historischen Altstadt ist von hoher räumlicher Qualität. Die Altstadt wird durch einen langen, linearen Straßenraum durchquert, der in unterschiedliche Abschnitte unterteilt ist. Diese Abschnitte besitzen einzelne Atmosphären/Qualitäten. Die fünf Abschnitte gliedern sich wie folgt: Zwei “Stadteingänge”, einen “Auftakt” zum breiteren Straßenraum, der zum “Stadtplatz” führt, ein “Gelenk” zwischen Altstadt und Vorstadt, einen “Marktbereich” als verbreiteter Straßenraum und ein intimerer Straßenraum, der “Neues Wohnen” ermöglichen soll.
  3. Die Altstadt besitzt parallel zur Alz eine gute lineare Verbindung. Quer dazu, gibt es noch Potenzial um fußläufige Verbindungen aus der höhergelegenen Altstadt ins Flussgebiet und über die Uferseite in die Vorstadt zu ermöglichen.
  4. Die Nahversorgung der Bevölkerung wird durch Einkaufsmöglichkeiten an den Verkehrsknotenpunkten am Rande der Stadt sichergestellt. Durch die Erweiterung der Stadt im 20. Jahrhundert um mehrere Wohnsiedlungsgebiete, wurde die Mobilität der Einwohner zunehmend durch Autos bestimmt. Ältere Einwohner in der Altstadt sind häufig auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zugewiesen um zu den Nahversorgungsorten zu gelangen.
  5. Die Bundesstraße B299, die quer durch Trostberg verläuft, ist zugleich Hauptverbindungselement und starke physische und psychologische Barriere für Fußgänger und Bewohner der Altstadt zur Vorstadt.

Aus diesen und weiteren Analyseschwerpunkten formulierten wir erste Ideen zu einem Entwicklungskonzept. Als Arbeitsmethode bauten wir ein sechs Meter langes Styrodurmodell mit vorgeklebten Fassaden der Altstadthäuser, was uns im Erfassen der straßenräumlichen Gegebenheiten, sowie in der Entwicklung neuer potenzieller Nutzungen helfen sollte. Das Modell erwies sich anfangs als ein ausgezeichnetes Medium, um unsere Ideen zur Altstadt untereinander und mit unseren Assistenten zu kommunizieren. Vor diesem Hintergrund entstand nach und nach die Idee, mit dem Modell einen Workshop mit Bürger zu organisieren…Dies haben wir zu Stande gebracht und den Trostberger Weihnachtsmarkt Ende Dezember als Anlass für unser Workshop genommen.

Planung des Workshops
Ziel des Workshops im Postsaal (Konzert- und Veranstaltungssaal) von Trostberg war es tiefgründige Informationen über die Stadt Trostberg zu sammeln und auch in Dialog mit den Bürgern zu kommen. Da wir uns schon einige Wochen mit der Stadt Trostberg beschäftigt hatten, waren bereits konkrete Ideen für Veränderungen und Neuplanungen vorhanden. Um die Legitimation dieser Ideen zu stärken und Konfliktpotentiale bei diesen frühzeitig zu erkennen, haben wir in einem Interview ähnlichen Gespräch mit den Bürgern das lokale Wissen genutzt, um diese Ideen kritisch zu reflektieren und Anregungen für weitere Planungen zu gewinnen. Wir erhofften durch eine Vielzahl subjektiver Meinungen einen repräsentativen Querschnitt der Stadt abzubilden, um Auskünfte zu folgenden Themen zu erhalten: Wohnsituation, präferierte Wohnqualitäten, Mobilität, kulturelles Leben, Wegeverbindungen, Parksituation, Grünraum, Frequentierung der Altstadt, Nutzung der Altstadt, Ideen und individuelle Informationen.

Im Kontext des Workshops stellten wir uns die Frage, wie Bürgerbeteiligung als Instrument nachhaltiger Stadtentwicklung dienen kann:

Bürgerbeteiligung als Instrument nachhaltiger Stadtentwicklung

Nachhaltigkeitsdreieck

Nachhaltigkeitsdreieck nach Munasinghe, 1992, Rio Earth Summit.

Das Entwurfsprojekt “next step trostberg” verfolgt das Ziel, dass Studenten am realen Beispiel der Kleinstadt Trostberg mit einer erheblichen Leerstandsproblematik nachhaltige Entwicklungsstrategien entwickeln. Dabei liegt der Schwerpunkt der Aufgabe auf der Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit der städtebaulichen Lösungsansätze, die entsprechend der Definition von Nachhaltigkeit nach dem Nachhaltigkeitsdreieck von Munasinghe1, sowohl auf der ökologischen, ökonomischen und sozialen Komponente einen positiven Einfluss auf die Stadt haben sollen.

 

 

Die ökologische Dimension von Nachhaltigkeit befasst sich in erster Linie mit den direkten und indirekten Einflüssen von Menschen auf die Umwelt. Auf städtebaulicher Ebene sollten die vorgeschlagenen Ideen keinen negativen Einfluss auf die Biodiversität und die Ökosysteme haben, in denen Trostberg eingebettet ist, wie das Flussgebiet der Alz oder der Naturraum oberhalb der Altstadt. Außerdem sollten die baulichen Maßnahmen einen möglichst geringen Ressourcenverbrauch generieren. Hierbei steht der sorgfältige Umgang mit dem gebauten, oftmals historischen Bestand im Fokus. Durch gezielte Umnutzungsstrategien statt Abriss und Neubau kann ein Großteil der Treibhausgasemissionen, die dem Bausektor traditionell zustehen, erheblich reduziert werden.
Auf der Ebene der Mobilität können neue Mobilitätskonzepte, wie ein autonomer, elektrischer Bus, oder eine Neugestaltung des Alzdamms als “Verteiler” der Altstadt für Fahrrad- und Fußgängerverkehr, einen Beitrag dazu leisten die Luft-und Umweltverschmutzung in der Altstadt zu minimieren.
Die ökonomische Dimension von Nachhaltigkeit befasst sich mit der Rentabilität und Langlebigkeit von Maßnahmen aus wirtschaftlicher Sicht. Hierfür ist vor allem wichtig, dass die vorgeschlagenen Reaktivierungskonzepte für die Leerstände in der Altstadt langfristige Nutzungen anbieten können, die die Altstadt als neues Arbeits- und Wohnstandort, sowie als Kultur- und Gastronomiezentrum wiederbeleben werden.

Governance

“Governance” als Vertretung der Interessen des Öffentlichen Sektors, des Privaten Sektors und der Zivilgesellschaft.

Letztlich beschäftigt sich die soziale Komponente der Nachhaltigkeit mit der Ermächtigung (“empowerment”) von Bürgern durch ihre Beteiligung (“inclusion/consultation”) am politischen Entscheidungsprozess der städtebaulichen Entwicklung. Im weitesten Sinne handelt es sich um inklusive Regierungsführung oder “governance”. Von Bedeutung für eine nachhaltige Entwicklung aus sozialer Sicht ist, dass die Interessen aller “Beteiligten” in der Stadt, auf Englisch “stakeholders” oder “actors”, berücksichtigt werden². Dazu zählen nicht nur politische Institutionen auf unterschiedlichen Ebenen (von der Stadt Trostberg bis hin zur Bundesregierung), die unter dem Öffentlichen Sektor zusammenfallen, sondern sowohl der Private Sektor, z.B. durch Immobilien- und Bauunternehmen, sowie wirtschaftlich bedeutende Unternehmen für die Stadt, wie die Chemiefirmen AlzChem und BASF, sowie auch die Zivilgesellschaft, zusammengefasst im Begriff “civil society”. Hier gehört neben NGOs und anderen nicht politischen Organisationen die Mehrheit der Bürger der Stadt hinzu.

Dass Bürger ein essentielles Entscheidungs- und Mitwirkungsrecht an der Entwicklung ihrer eigenen Stadt haben, ist von mehreren Theoretikern im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts formuliert worden. Am prägnantesten ist dieser Gedanke beim Anthropologen David Harvey ablesbar, der über das bürgerliche “Recht zur Stadt” sprach³; erstmalig von Henri Lefebvre 1968 in seinem Buch “Le Droit à la ville” beschrieben4: “The right to the city is far more than the individual liberty to access urban resources: it is a right to change ourselves by changing the city. It is, moreover, a common rather than an individual right since this transformation inevitably depends upon the exercise of a collective power to reshape the processes of urbanization. The freedom to make and remake our cities and ourselves is, I want to argue, one of the most precious yet most neglected of our human rights.”

New Urban Agenda

Die New Urban Agenda, Leitlinie für nachhaltige Stadtentwicklung, 2016 in Quito bei der Habitat III-Konferenz ratifiziert.

In diesem Sinne, spricht David Harvey über das kollektive Recht der Bürger, Beschlüsse über ihre eigene Stadt zu machen. Somit redet er über “Empowerment”, die Ermächtigung von Bürgern bei Entscheidungsprozessen in der Stadt mitzuwirken.
Diese stadttheoretischen Grundlagen haben im 21. Jahrhundert inzwischen einen wichtigen Platz in Planungsleitlinien auf internationaler Ebene gefunden, wie den Sustainable Development Goals (SDGs), die 2015 formuliert wurden5, und der New Urban Agenda (2016 bei der Habitat III-Konferenz in Quito ins Leben gerufen), die auf das Ziel 11. aufbaut: “Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten”6.

Diese Leitlinien für die Entwicklung von nachhaltigen Strategien dienen sowohl auf globaler wie auf lokaler Ebene. Aus diesem Grund, finden zunehmend mehr lokale Planungsprozesse in Deutschland Anhand diesen Kriterien statt.

Auch in Trostberg findet der Prozess für die seit einigen Jahren fortlaufende Erarbeitung des Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzeptes (ISEK) unter Rücksicht von partizipativen Planungsmethoden statt, in denen Bürger aufgefordert werden, ihre Ideen und Vorstellungen durch Bürgerworkshops und Ausstellungen zu kommunizieren7.

Partizipative Planungsmethoden sind durch eine höhere Anzahl der Beteiligten im Prozess und des unterschiedlichen Wissensstandes der Akteure komplexer zu gestalten als traditionelle Planungsmethoden. Jedoch sind sie von großer Wichtigkeit für die Planenden, um die allgemeine Akzeptanz eines Projektes bei der Bevölkerung von Anfang an zu steigern und so, spätere Proteste von Seiten der Zivilgesellschaft, die zu Verspätungen und Mehrkosten führen könnten, zu vermeiden.

Levels of Public Participation

Levels of Public Participation

Um einen partizipativen Planungsprozess möglichst effektiv zu gestalten, ist es wichtig, eine Übersicht über die unterschiedlichen Ebenen der Bürgerbeteiligung zu haben, die in der Pyramide oder Skala der Bürgerbeteiligung beschrieben werden8.

In hinaufsteigender Reihenfolge steigt in jeder Ebene der Beteiligungsgrad und das Entscheidungsrecht der Bürger. Während auf der untersten Ebene Bürger lediglich über Beschlüsse der Planer z.B. durch Nachrichten oder öffentliche Ausstellungen informiert werden und somit kaum Mitspracherecht besitzen, treten die Planungsbehörden in den Ebenen des „Citizens Feedback“ und „Consultations“ näher im offiziellen Dialog mit Bürgern und binden Ihre Ideen und Vorschläge mit im Planungsprozess ein.

Ein öfters genutztes Format für diese Konsultationen sind öffentliche Workshops oder sogenannte „Town Hall Meetings“ mit Planern und Politikern, zu denen Bürger eingeladen werden. Auf dieser Ebene kann das Wissen des Planers mit dem Wissen der Bürger als „Experten ihrer Lebenswelt“ erweitert werden und in die Planung frühzeitig eingebunden werden. Die Beteiligung der Bürger erfolgt jedoch zu regelmäßig punktuellen Abschnitten im Prozess und ist deshalb nicht kontinuierlich.

Werden die Bürger mit offizieller Verantwortung als Mitentscheider im Planungsprozess eingebunden, so erreicht man die zweithöchste Ebene der Partizipation: „Joint Planning“ oder gemeinsame Planung. In diesem Fall werden Bürger z.B. durch die Einbindung in Aufsichtsräten und in offiziellen Verhandlungen mit hoher Verantwortung versehen. Für die Bürger bedeutet das ein hohes Maß an Engagement und Beteiligung am Prozess.

Spätestens an dieser Stelle wird eindeutig klar, dass durch die zunehmende Komplexität der Aufgabe, die Bürgern als Mitplaner zusteht, die Anzahl der Beteiligten drastisch abnimmt. Dies stellt ein Paradoxon der Bürgerbeteiligung dar: Höhere Beteiligungsmöglichkeit bedeutet weniger Beteiligte. Eine einfache Lösung gibt es nicht.

Bei der höchsten Stufe der Bürgerpartizipation werden die wichtigsten Entscheidungen in dem Prozess ausschließlich durch die eigenen Bürger mithilfe von Bürgerbefragungen getroffen. Man spricht dann vom „citizen control“, oder der „Bürgerkontrolle“.

Eine kritische Betrachtung der Skala der Bürgerbeteiligung in Bezug auf die Realisierbarkeit, Auswirkungen und Ergebnisse der Prozesse in den unterschiedlichen Ebenen ist wichtig, um die Potentiale und Limitationen dieses Modells in der Praxis zu verstehen. Aus diesen Überlegungen ist  herauszunehmen, dass Bürgerbeteiligung auf der Ebene der Information letztendlich kaum einen Erkenntnisgewinn für die Planer darstellt und die Einbindung der Bürgerschaft so gut wie inexistent ist. Auf der anderen Seite der Skala ist die Ebene der Bürgerkontrolle hinsichtlich des „Erfolgs“ der dort getroffenen Entscheidungen durchaus fraglich. Der Grund dafür liegt darin, dass die Entscheidungen in Planungsprozessen oftmals sehr komplex sind und über Fachwissen benötigen. Aus diesem Grund, kann nicht davon ausgegangen werden, dass Bürger in der Lage sind, über solche Entscheidungen „sinnvolle“ Auskünfte zu geben.

Letzten Endes bleibt also für die Praxis von partizipativen Planungsprozessen die Mitte der Pyramide übrig. Die drei Ebenen: Bürgerfeedback, Konsultationen und Gemeinsame Planung stellen sinnvolle Methoden für die Einbindung von Bürger in städtebauliche Planungsprozesse und bieten bereits bewiesene Vorteile für Planer und Bürger an.

Aus diesem Grund wurde die Ebene der Konsultation im Projekt „next step trostberg“ gewählt, um im Rahmen des Trostberger Weihnachtsmarktes am 18. Dezember 2017 einen Workshop zu organisieren, mit dem ein „offizieller“ Dialog zwischen den Studierenden und den Bürgern stattfinden sollte. Ziel war es, dass die gewonnenen Erkenntnisse für beide Seiten als Initialzündung für eine nachhaltige Entwicklung der Stadt Trostbergs dienen könnten.

Der Workshop gestaltete sich als Dialog zwischen Bürgern und uns. Mithilfe von Interviews und Flyern, des großen Modells, wo Bürger Lieblings-und Problemorte markieren sollten, und eines großen Planes der Altstadt, wo Bürger ihre Wohn-, Arbeits- und Freizeitorte markieren sollten, schafften wir es, 90 Bürgerinnen und Bürger innerhalb eines Abends zu befragen. Viele davon waren sehr erfreut über unsere Präsenz und waren auch explizit zum Weihnachtsmarkt wegen uns gekommen, da sie davon in der Tagespresse erfahren hatten. Der lokale Fernsehsender rfo zeigte sich ebenfalls begeistert und fertigte folgenden Beitrag an: https://www.rfo.de/mediathek/video/studienprojekt-next-step-trostberg/.
Nach einem erfolgreichen Abend, bauten wir das Modell mit den Beiträgen der Bürger ab und fuhren zurück nach München, um mit der Nachbearbeitung der Ergebnisse weiterzumachen.

Fazit des Workshops
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Trostberger ihre Stadt (die gesamte Stadt) als Arbeits-, Schul-, Freizeit- und Gesundheits-Stadt verstehen, aber nicht als Einkaufs-Stadt. Um dem Bedürfnis des Einkaufens nachzukommen werden teilweise die Altstadt, Gewerbestandorte in den Vorstädten aber hauptsächlich umliegende größere Städte, wie z.B. Traunreut, genutzt. Ein Ergebnis des Workshops ist es, dass die Altstadt selbst nicht als Arbeitsstandort verstanden wird.
Eine weitere wichtige Erkenntnis aus den Gesprächen mit Bürgern war das negative Image was unter den Einwohnern, die hauptsächlich in Einfamilienhäuser in der Vorstadt leben, über der Altstadt bestand. Vor allem auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, in der Altstadt zu leben, haben die meisten sofort negativ geantwortet. Erst im Nachhinein, als wir mit denen im Gespräch kamen, sind viele der Bürger auf die Qualitäten und Potenziale (nahegelegene Grün- und Naturräume, kurze Abstände zu Fuß) der Altstadt aufmerksam geworden. Diesen Umdenkprozess in Gang zu setzen war für uns im Hinblick auf unsere weitere Entwurfsarbeit von enormer Wichtigkeit. Durch den Workshop fühlten wir uns bekräftigt, neue hochwertige und zugleich alternative Wohn- und Arbeitsformen im Bestand der Altstadt zu entwickeln, da wir uns über das Potenzial der Altstadt als neuen, zeitgemäßen Arbeits- und Wohnstandort bewusst waren.

Des Weiteren offenbarten sich Defizite hauptsächlich beim Angebot der Einzelhandelsstruktur und nachrangig im Bereich der Kultur- und Gastronomieangebote. Kulturelle, öffentliche Einrichtungen und Vereine im Sport- und Kulturbereich werden gut angenommen, dennoch besteht der Wunsch bei den Einheimischen diese weiter auszubauen, bzw. die Angebote zu verbessern. Hervorzuheben ist, dass kein Einziger Teilnehmer des Weihnachtsmarktes mit öffentlichen Verkehrsmitteln angereist war. Der ÖPNV wird nach eigenen Aussagen aller interviewten Trostberger grundsätzlich nicht genutzt, sodass hier in den Bereichen Taktung, Einzugsbereich und Angebot ein erheblicher Nachholbedarf herrscht. Um Trostberg für finanzschwache und mobilitätseingeschränkte Menschen lebenswert zu machen, muss hier unbedingt etwas passieren.
Zu beachten ist auch, dass die Leute in den persönlichen Gesprächen sehr positiv über ihre eigene Stadt geredet haben. Dies ist letztendlich auch eine weitere Erkenntnis aus dem Workshop gewesen: Die Bürger und Bürgerinnen Trostbergs haben großes Interesse und Engagement, sich für die Entwicklung ihrer Stadt einzusetzen. Dies war zu vorweihnachtlichen Zeiten die endgültige Bekräftigung, um im Januar unser Projekt in die finale Entwurfsphase einzuleiten. Über die daraus entstandenen Vorschläge für ein zukünftiges Trostberg, werden wir euch in einer folgenden Ausgabe berichten.

Christina Hofreiter,
Katharina Wagner,
Roland Schafroth,
Maximilian Gemsjäger und
Ramsés A. Grande Fraile
Architekturstudenten
Facebook blog “Inspiring Architecture”

Die im Text enthaltenen Aussagen geben ausschließlich die Meinungen der Autoren wieder.

Literaturverzeichnis:
[1] Munasinghe, M. (2007). “Sustainable Development Triangle”. Encyclopedia of Earth, http://www.eoearth.org/view/article/156365/.
[1] Munasinghe, M. (1992a). “Environmental Economics and Sustainable Development”. Paper presented at the UN Earth Summit, Rio de Janeiro, Environment Paper No.3, World Bank, Wash. DC, USA.
[2] Rocco, R. (2018). “Urban Thinkers Campus TU Delft Report, World Urban Forum 9”. URL: https://www.slideshare.net/robrocco/urban-thinkers-campus-tu-delft-report-world-urban-forum-9, Zugriff am 14.02.18
[3] Harvey, D. (2008). “The right to the city”. New Left Review. II (53), 23-40
[4] Lefebvre, H. (1967). “Le droit à la ville”. L’Homme et la société, 29-35
[5] Chiemgau24.de (2016). “Wo soll die Stadt hin? Das wünschen sich die Bürger”. URL: https://www.chiemgau24.de/chiemgau/trostberg/trostberg-ort29593/soll-trostberg-hin-viele-vorschlaege-buerger-stadtentwicklung-6193950.html, Zugriff am 14.02.18
[6] HabitatIII (2016). “The New Urban Agenda”. URL: http://habitat3.org/the-new-urban-agenda/, Zugriff am 14.02.18
[7] Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen für Westeuropa (2017). “Ziele für nachhaltige Entwicklung”. URL:https://www.unric.org/de/component/content/article/27740, Zugriff am 14.02.18
[8] The Regional Environmental Center for CEE (1996). “Awakening Participation: Building Capacity for Public Participation in Environmental Decisionmaking”. Szentendre, 24
Bildquellenverzeichnis Aufsatz “Bürgerbeteiligung als Instrument nachhaltiger Stadtentwicklung”:
Abbildung [1] Munasinghe, M. (2007). “Sustainable Development Triangle”. Encyclopedia of Earth, http://www.eoearth.org/view/article/156365/
Abbildung [2] SEontario (2018). “Rural Social Enterprise”. URL: http://seontario.org/rural-social-enterprise/, Zugriff am 14.02.18
Abbildung [3] HabitatIII (2016). “The New Urban Agenda”. URL: http://habitat3.org/the-new-urban-agenda/, Zugriff am 14.02.18
Abbildung [4] The Regional Environmental Center for CEE (1996). “Awakening Participation: Building Capacity for Public Participation in Environmental Decisionmaking”. Szentendre, 24

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