Niklas Heese – Studieren und Essen im Architekturstudium

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niklas-heese-2016Prüfungen vorbereiten muss man am Ende jedes Semesters, auch im Architekturstudium kommt man daran nicht vorbei. Im Gegensatz zur Prüfungsvorbereitung beschäftigt mich das Essen jedoch während des ganzen Semesters. Gerade bereite ich mich in der TU-Bibliothek auf Angewandtes Bauordnungsrecht vor. Das Skript hat 257 Seiten und der Vorlesung montags um 8:00 Uhr in der Früh bin ich das ein oder andere Mal aus dem Weg gegangen. Es ist mittlerweile halb Zwei und während ich nach Brandschutzklassen blättere, bekomme ich langsam aber sicher einen ziemlichen Hunger und mir wird klar: Es ist Zeit für eine Leberkassemmel.

Die LKS, meine ständige Begleiterin, Symbol für Sparsamkeit an Zeit und Geld, Statussymbol des Studenten. Im Stehcafé in der Luisenstraße sitze ich dann am Fenster und esse eine Leberkassemmel mit süßem Senf.

Mein siebtes Semester ist gut gelaufen. Roxana, die in Lille Architektur studiert, ist für ein Praxissemester zu mir nach München gekommen. Für fünf Monate waren wir wieder so nah bei einander wie in Shanghai, wo wir uns kennen gelernt haben.

Die Liste der Kurse in diesem Semester war lang: Chinesisch, zwei Baurechtskurse, Architektur und Design Theorie, Bauen im Bestand. In Architekturvermittlung wurden Projektbeschreibungen, Blogeinträge und Interviews analysiert und verfasst, was Spaß gemacht hat. Das Semester war auch besonders modellbau-intensiv. In Städtische Architektur wurden Wohnungs-Referenzen in Grundrissen und Photos von 1:20 Innenraummodellen analysiert für die zweite Ausgabe des Buchprojekts Domestic Journal. Für den Entwurf bei den Gastprofessoren Maria Conen und Raoul Sigl aus Zürich hat unser Team insgesamt sieben solcher Modelle gebaut.

Zu Beginn des Semesters sitze ich mit meinen Conen Sigl Mädels Eva und Viki in der Mensa der Hochschule für Fernsehen und Film. Es ist die jüngere, kleinere Cousine der TU-Mensa. Die Gerichte sind meistens besser und sie ist im Gegensatz zur Mensa der TU keine Dauerbaustelle. Wir essen Penne mit einer Spinat-Rahm-Pilz-Sauce, gar nicht übel für ein Mensaessen. Viki bemerkt die mensa-typisch teils zu weiche, teils zu harte Konsistenz der Nudeln.

Nach dem Essen arbeiten wir weiter an unserer Analyse der Sala dei Cavalli des Renaissance-Architekten Giulio Romano. Die Arbeitsweise im Studio Conen Sigl ist ungewohnt: Es werde zu Beginn kein Raumprogramm, keine Nutzung und kein Ort vorgegeben, sondern eine Referenz, aus deren Analyse ein Gebäude entwickelt werden soll. Jede der elf Gruppen aus in der Regel zwei Studenten arbeitet mit einem anderen Referenzraum aus der Architektur der letzten 500 Jahre und so entstehen elf völlig verschiedene Entwürfe mit unterschiedlichsten Konstruktionsweisen, Raumprogrammen und Maßstäben.

Unser Entwurf ist ein achtstöckiges Wohnhaus mit einem leicht niedrigeren Rückgebäude, das dem schlanken Hauptkörper vom Hof her wie einem Bilderrahmen Halt gibt. Der Referenzraum, ein Prunksaal, ist am deutlichsten im Erdgeschoss präsent, wo sich an den zentralen Eingangsbereich zu beiden Seiten je ein überhoher Saal anschließt. Zur linken haben wir hier ein Café mit Waschsalon untergebracht und zur rechten einen Kaminraum mit Küche für die Bewohner, was das Erdgeschoss zum Herz des Hauses machen und die Gemeinschaft stärken soll. Im Kontrast zur Weite der Säle sind die pro Geschoss zwei Vierzimmerwohnungen und die Sechs-Personen-WG des Rückgebäudes umso kleiner gehalten. Das Projekt bringt also das Konzept des Palazzo mit einem dichten Wohnungsbau zusammen.

 

Jeden Mittwoch serviert die Kantine des Finanzministeriums am Odeonsplatz Schnitzel: Also ein echtes Muss für echte Studenten, die „Schnitzeltag“-WhatsApp-Gruppe kommt hier auf ihre Kosten, bis auf Lukas, der jedes Mal einen anderen Ort vorschlägt. Vermutlich ist er, was Schweineschnitzel angeht, zu verwöhnt von SchniSchpa (Schnitzel und Spaghetti Napoli) im Pepenero im Lehel, das mittlerweile zum absoluten Klassiker geworden ist. Auch das Schnitzel Wiener Art im Finanzministerium ist einwandfrei. Es kommt allerdings mit einem Salat, der vor allem aus Dressing besteht, und Joshua beschwert sich konstant über die Salatmayonnaise, die seiner Meinung nach nicht für Pommes Frittes geeignet ist.

Von der Kantine geht es direkt zurück in unseren Arbeitsraum, den grünen Saal, wo Michaela schon auf mich wartet. Wir bauen zusammen an unserem Innenraummodell des Sky House von Kiyonori Kikutake. Das Haus in Tokyo hat nur einen, quadratischen Raum: Vier Stützen heben ihn samt dem zur Mitte hin ansteigenden Dach hoch über das abschüssige Grundstück. Schichten von verschiebbaren Fenstern und Holzläden begrenzen den Raum nach Außen und lassen verschiedene Formen und Grade der Öffnung zu. Der Raum selbst ist durch ein Möbel in einen größeren Wohnraum und einen Essraum getrennt. Küche und Bad docken außen modular an den Raum an, ganz im Sinne der japanischen Metabolismus-Bewegung, in der Modularität und das Wachsen/Schrumpfen von Gebäuden durch an-/abdocken von Elementen eine große Rolle spielen. Kikutake kombiniert traditionell japanische, modernistische und einzigartig metabolistische Gedanken in seinem eigenen Zuhause.

An ihrem letzten Arbeitstag besuche ich Roxana und ihr skandinavisches Architekturbüro, wo sie gerade ein Semester Praktikantin war. Überall sieht man große Modelle herumstehen und fancy Renderings an Depafit-Wänden hängen und ich habe gehört jeden Freitag ist Barbecue-Tag… Die Praktikanten-Kollegen von Rox kommen aus ganz Europa und von noch weiter her. Wir essen mit ein paar von ihnen gegenüber in der Wirtschaft eine Currywurst und trinken ein Helles. Martyna hat eine Goodbye-Collage für Rox vorbereitet, der Abschied scheint auch den Praktikanten nicht leicht zu fallen. Wie Rox Zeit in München geht auch mein Semester dem Ende zu. Während ich sie mit ihren vollgepackten Koffern zum Bahnhof fahre, denke ich über die kommenden Wochen nach, bis ich sie Ende Februar in Frankreich besuche. Kälte, Baurecht, zwischen viel Papier ein heller Strahl der Hoffnung: Die nächste Leberkassemmel.

@NiklasHeese auf Twitter.

 

Niklas Heese
Architekturstudent

 

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