Josef Wensauer Architekt VfA

Nur eine starke Kammer kann die Baukultur retten

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BIM, VgV, HOAI, Wohnungsnot, Flüchtlingskrise, überforderte Bauverwaltungen… die Liste ist lang. Mehr und mehr Kompetenzen des Architekten werden in Frage gestellt. Gleichzeitig sollen wir in vielen Bereichen immer mehr Verantwortung übernehmen. Während sich die Gesellschaft immer mehr digitalisiert und am liebsten nur noch mit Ja oder Nein antwortet, werden unsere Aufgaben immer komplexer. Die IT-Branche verwendet ungestraft unsere geschützte Berufsbezeichnung „Architekt“. Stadt- und Ortsränder wuchern mit adipösen Bauträger-Modellen zu, bei denen die Bewohner zu Kalkulationsfaktoren geworden sind. Grundstückspreise bestimmen über Gestaltung, einen schattenspendenden Baum können wir uns nicht mehr leisten. Wir als Hüter der Baukunst müssen uns ehrenamtlich gegen Heerscharen von gut bezahlten Lobbyisten aus Industrie und Wirtschaft wehren.

Sollte unsere Antwort schicksalsergebene Dienstleistung sein, für die wir als „Belohnung“ ein bisschen gestalten dürfen? Nein, denn als Architekten tragen wir eine gesellschaftliche Verantwortung. Wir haben einen Anspruch darauf, gegen reine Profitinteressen soziale Werte zu stellen und deren Einhaltung zu fordern.

Wir müssen wir uns gemeinsam gegen alle Versuche wehren, unsere Kompetenzen einzuschränken. Dafür brauchen wir eine starke Kammer und einen schlagkräftigen Vorstand, getragen von engagierter und motivierter Gremienarbeit. Die Verbände müssen zusammenarbeiten, partnerschaftlich und kollegial. Unsere neue Präsidentin und die neu gewählten Vorstände brauchen unsere Unterstützung.

Die Vertreterversammlung hat unseren bisherigen Präsidenten Lutz Heese mit der geringsten Stimmenzahl in den Vorstand gewählt. Wegen eines nicht erfüllten Quorums (Angestellte/Freischaf-fende) musste er deshalb aus dem Vorstand wieder ausscheiden. Nach dem Ergebnis der Kammerwahlen irritiert das und ist mindestens für seine Wähler unbefriedigend. Immerhin hat Lutz Heese die meisten Stimmen bei diesen Wahlen bekommen. Dass sich das im neuen Vorstand nicht repräsentiert, erzeugt bei vielen Wählern Verdrossenheit. Deshalb schwächt dieses Ergebnis die Kammer.

Vielleicht sind Wahlverfahren und Quotenregelungen zu kompliziert. Vielleicht ist es sinnvoll, über Satzungsänderungen wie eine Erweiterung des Vorstandes nachzudenken. Die vielen dringenden Aufgaben wären auf mehr Schultern besser verteilt.
Wer sich berufspolitisch engagiert, merkt schnell, wie wichtig es ist, sich neben der alltäglichen Arbeit für bessere Rahmenbedingungen unseres Berufes einzusetzen. Wir alle müssen dazu mehr beitragen. Dass nicht einmal die Hälfte aller Kollegen überhaupt gewählt hat, ist viel zu wenig.

Nur eine starke Kammer kann erreichen, dass unserer Berufsstand in der Öffentlichkeit so wahrgenommen und respektiert wird, wie es seiner Verantwortung und Leistung entspricht. Wenn das gelingt, werden sich noch mehr Kollegen für die Baukultur und die damit verbundenen Werte engagiert einsetzen.

Josef Wensauer
Architekt VfA

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